Braunewells Goldburgunder

Herkunft und Ursprung – starke Worte, die meist nur an als „groß“ angesehen Lagen und Sorten andocken: dann vor allem bei Riesling und Spätburgunder, aber mancherorts auch Weißburgunder oder gar Silvaner. Aber Grauburgunder?

Und dann noch nicht einmal in Baden? Bei Braunewell in Essenheim jedoch avanciert die vermeintliche graue Maus zu einem gefeierten Star.

von Manfred Lüer

Ich kenne erstklassige Winzer, die sich für ihren am besten verkauften Wein tatsächlich schämen. Sie schwärmen von ihrem Terroir, ihren Paradesorten, doch auf die Nachfrage, was denn die meisten Konsumenten wirklich schätzen, kommt die Antwort mit einem Achselzucken und leerem Blick erst nach mehrmaliger Nachfrage: „Grauburgunder…“

Ja, Grauburgunder! Warum auch nicht? Anscheinend soll alles tatsächlich nur aus Gold sein, was glänzt. Fast so als gäbe es zwei Fraktionen: den versierten Kenner, der Riesling & Pinot über alles schätzt und dann den – Konsumenten. Der sich anscheinend mit all den harmlosen Früchtchen und dem wabbeligen Körper eines ziemlich nichts sagenden Geschöpfes zufrieden, der eben gar nichts Goldiges an sich hat, sondern in den Augen vieler Winzer und Weinfreunden die graue Maus am Markt ist, die man gerade noch so duldet…

So etwas kann wirklich gute Winzer wie Christian und Stefan Braunewell einfach nur aufregen! Sie brechen eine Lanze für diese Sorte und keltern ein ganz famoses Quartett vom Grauburgunder, das schier sprachlos werden lässt. Zumindest diejenigen, die bis dato die Nase über dieses vermeintlich hässliche Entlein rümpften. Denn Braunewells Goldburgunder sind echte, stattliche und auch hochgewachsene Schönheiten, deren elegante Statur und präzise Muskulatur tatsächlich überrascht. Das selbst beim strahlend-reinen Gutswein. So eine Ausdruckskraft und Differenziertheit kennt man eigentlich nur aus Baden, aber da sind die Kurven meist üppiger und runder. Doch Braunewells Goldburgunder wirken kühl, schlank, delikat, finessenreich, ungemein präzise. Auch sie glänzen golden im Glas, haben Statur, Ausdruck, gelbes Steinobst, Birne, Quitte, Melone, Schmelz und auch ein wenig diese Liaison von gerösteten Nüssen und geschmolzener Butter. Ihre zarte Exotik, etwa die von kandierter Ananas, ist genauso köstlich wie der zarte Zitruszug. Der Slim Fast sitzt. Weg vom badisch Fetten nenne ich das. Die Sumo-Ringer-Attitüde ist passé, das Holz selbst in der Spitze nicht überbordend, selbst Krafttrinker kommen zu Ihrem Recht. Denn diese Goldburgunder haben nicht nur Frucht, sondern eben auch Frische, Würze und Mineralik – das beginnt schon beim genial ausbalancierten Essenheimer. Alles Wabbelige ist ihnen fremd, alles Schwabbelige. Weicheiweingehabe passt eben nicht zum kühlen, kalkigen Selztal, dass man angesichts der Mineralik auch das Salztal nennen dürfte. Man schmeckt den Kalk, die pikante Strahlkraft, das Alter der Reben: Durch eine Tiefe und innere Ruhe, die nichts von diesem jungen Rumgehüpfe hat. Und doch sind diese Schönheiten irgendwie auch sexy und sinnlich, sonst würde das auf dem Catwalk der Weinwelt auch nicht funktionieren. Aber diese Sehnigkeit, dieses nachhaltige Strahlen, danach sehnen wir uns einfach, wir armen Fans und Freunde einer Sorte, die inzwischen sogar rund ein Drittel im Portfolio der incredible Braunewell-Brothers ausmacht. „Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen“, meinte einst Konfuzius. Und gegen den Strom schwimmen Christian und Stefan ganz gewiss. Sie schöpfen dabei aus dem vollen, weil etwa im Teufelspfad auf erstklassiger, steinreicher Lage bereits der Großvater in den 1970er Jahren seine Lieblingssorte Ruländer alias Grauburgunder pflanzte – der immens kalibrierte Teufelspfad Grauburgunder lässt dem Kalk freien Lauf, während der Klopp aus einem besonders kargen Gewann im oberen Teufelspfad Nordic Style pur ist – mit enormer Sogwirkung und Zugkraft!

Das alles sind flüssige Belege für echte Innovationen aus Winzerhand, die der aufrichtigen Tradition der Familie in punkto Grauburgunder entspringt. Endlich erwidert jemand mal unsere Liebe zurück, erfüllt auch unsere Sehnsucht nach echtem Handwerk, nach Herkunft und Ursprung. Und endlich müssen wir uns für unsere Sehnsucht nach dieser so großartigen Sorte nicht mehr schämen. Die als Goldburgunder so richtig groß und saftig und lebendig sein kann – wenn man sie wie Christian und Stefan denn steinreich und feinfruchtig sein lässt…

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